DIE NAG-HAMMADI-TEXTE. Einige Mitglieder der Mormonenkirche stellen extravagante Behauptungen in Bezug auf neue Entdeckungen auf, die angeblich die mormonischen Schriften unterstützen würden. Ein Mann schrieb zum Beispiel einen Brief an die Abteilung für Anthropologie und Archäologie an der Brigham-Young-Universität, in dem er erklärte:

 

Ich habe mit einigen ihrer Mitglieder am Institut an der PSU in den letzten Wochen über die HLT-Kirche gesprochen und mehrere Male sind Dokumente erwähnt worden, die entdeckt worden seien, anscheinend in der Nähe des Toten Meeres, die die mormonischen Schlüssellehren unterstützen.“

 

Am 16. Nov. 1978 war Professor Ross T. Christensen mit seiner Antwort sehr direkt:

 

Ich weiß von keiner solchen Entdeckung, von der sie sprechen. Ich weiß auch von keinem Manuskriptfund in der Umgebung der Schriftrollen vom Toten Meer, der auf Schlüssellehren der Heiligen der Letzten Tage viel Licht wirft.“

 

Auf den Seiten 21-22 seiner Broschüre Jerald and Sandra Tanner's Distorted View of Mormonism behauptete der anonyme Mormonenhistoriker („Dr. Clandestine“), dass die HLT-Tempelzeremonien „große Ähnlichkeiten mit dem Format der Erlösungsverordnungen aufweisen, die im Evangelium des Philippus beschrieben werden, die in Nag Hammadi, Ägypten, in den letzten Jahrzehnten gefunden wurden: 'Denn dieser ist kein Christ mehr, sondern ein Christus. Der Herr tat alles in einem Mysterium, in einer Taufe, einer Ölung [Salbung mit geweihtem Öl] und in einer Eucharistie und einer Erlösung und in einem Brautzimmer.'“

 

Wir haben das Gefühl, dass Dr. Clandestine und andere Mormonengelehrte, die die Nag-Hammadi-Dokumente benutzen, um zu zeigen zu versuchen, dass frühe Christen Lehren hatten, die dem Mormonismus ähnlich waren, einen ernsten Fehler machen. Zunächst einmal kamen die Nag-Hammadi-Texte von einer Gruppe, die als Gnostiker bekannt waren. Charles F. Pfeifer sagt: „Gnostizismus eignete sich den christlichen Wortgebrauch an, um ihre im Wesentlichen unchristliche Philosophie zum Ausdruck zu bringen.“ (The Biblical World, Seite 410) Philip Schaff machte folgende Bemerkungen über den Gnostizismus:

 

Viel bedeutender und weit verbreiteter war in der Zweiten Periode die paganisierende Ketzerei, die man unter dem Namen Gnostizismus kennt... Er ist ein einseitiger Intellektualismus auf einer dualistischen, heidnischen Basis. Er beruht auf einer Geringschätzung von Glauben oder 'pistis'. Die Gnostiker... bildeten sich ein, die alleinigen Besitzer einer esoterischen, philosophischen Religion zu sein, die sie zu echten, geistigen Menschen machte, und schauten mit Verachtung auf den Menschen nur als Seele und Körper... Vielmehr verdarben sie das Christentum mit verschiedenen Elementen, die völlig fremd waren und somit den wahren Kern des Evangeliums verdunkelten...

Sein Wesen betreffend ist der Gnostizismus hauptsächlich heidnischer Herkunft. Er ist eine besondere Übertragung heidnischer Philosophie und Religion in das Christentum...

Gnostizismus ist deshalb die größte und umfassendste Form spekulativen, religiösen Synkretismus, die man in der Geschichte kennt. Er besteht aus orientalischem Mystizismus, griechischer Philosophie, alexandrianischem, philonischem und kabbalistischem Judentum und christlichen Vorstellungen der Erlösung, nicht einfach nur mechanisch zusammengestellt, sondern, wie es war, chemisch miteinander verbunden... Sie sammelten sich aus dem gesamten Feld antiker Mythologie, Astronomie, Physik und Magie, aus allem, was auf irgendeine Weise ihre Phantasien unterstützen könnte.“ (History of the Christian Church, Bd. 2, S. 199-202)

 

Über einen der Nag-Hammadi-Texte sprechend, der als „Über den Ursprung der Welt“ bekannt ist, behaupten Hans-Gebhard Bethge und Orval S. Wintermute: Die Vielfalt an jüdischem Gedankengut, manichäanischen Motiven, christlichen Ideen, griechischen oder hellenistischen philosophischen oder mythologischen Konzepten, magischen und astrologischen Themen und Elementen ägyptischer Lehre lassen zusammen vermuten, dass Alexandria der Ort gewesen sein könnte, wo der ursprüngliche griechische Text zusammengestellt wurde“. (The Nag Hammadi Library, San Francisco, 1977, Seite 161)

 

Der heidnische Einfluss in „Über den Ursprung der Welt“ wird aus folgenden Auszügen offensichtlich:

 

Aus dem ersten Blut erschien Eros, der androgyn war. Sein männliches Wesen ist Himeros, weil er Feuer aus dem Licht ist. Seine weibliche Natur, die bei ihm ist, ist eine Blutseele (und) stammt aus der Substanz von Pronoia. Seine Schönheit ist sehr ansehnlich und er ist lieblicher als alle Kreaturen des Chaos. Als also all die Götter und ihre Engel Eros sahen, verliebten sie sich in ihn.“ (Ebd., Seite 168)

 

Nun erfolgte die Geburt des Lehrers auf folgende Weise. Als Sophia einen Tropfen Licht auswarf, strömte er über das Wasser hin. Sofort erschien der Mensch, wurde gezeugt, einer, den die Griechen 'Hermaphrodites' nannten.“ (Ebd., S. 171)

 

Dasselbe Werk spricht von „Phoenix“, einem mythischen Vogel, der angeblich fünf- oder sechshundert Jahre lebte. Nach dem Tod auferstand er angeblich und lebte einen weiteren Zyklus von Jahren. Außer dass sie mit heidnischer Mythologie angefüllt waren, entblößen die Nag-Hammadi-Dokumente den Gott des Alten Testaments als böse und dumm. John Dart gibt folgende Information über die Nag-Hammadi-Texte:

 

Die Garten-Eden-Geschichte wird in drei Nag-Hammadi-Texten radikal neu geschrieben. Die Schlange geht in der gnostischen Wiedergabe vom Paradies als heldenhaft hervor und der Schöpfergott wird als unwissender Herrscher über eine jämmerliche Welt dargestellt.“ (The Laughing Savior, New York, 1976, Seite 65)

 

Adam sagte voraus, dass der zornige Schöpfergott danach trachten würde, Seths Nachkommenschaft, die Menschen der 'Gnosis', mit einer Flut zu vernichten. Noah und sein Haushalt würden gerettet werden, um die Erde wieder zu bevölkern und der bösen Gottheit zu dienen, aber Engel würden die Gnostiker retten, indem sie entrückt werden...

Feuer und Schwefel und Asphalt würden auf die Gnostiker herabgeworfen werden – Anspielungen auf das Strafgericht, das Sodom und Gomorrah zugemessen wurde. (Die gnostische Verdrehung ist wieder am Werk: 'Sodom und Gomorrah wurden in Wirklichkeit von den Rechtschaffenen bewohnt.') Die Engel... wären herabgestiegen, um sie vor dem Feuer zu bewahren...“ (Ebd., S. 82-83)

 

In Die Zweite Abhandlung über den großen Seth... brüllt der Schöpfergott: 'Ich bin Gott und es gibt keinen anderen neben mir.' Der Erzähler, später als Jesus Christus identifiziert, reagiert: 'Ich lachte vor Freude, als ich seine leere Herrlichkeit untersuchte.'“ (Ebd., Seite 110)

 

Im Nag-Hammadi-Text „Die Zweite Abhandlung über den großen Seth“ werden Adam, Abraham, Isaak, Jakob und sogar Gott selbst als Gegenstände des Gelächters bezeichnet:

 

Und dann kam eine Stimme – des Weltenherrschers – zu den Engeln: 'Ich bin Gott und es gibt keinen anderen neben mir.' Aber ich lachte fröhlich, als ich seine leere Herrlichkeit untersuchte. Aber er sagte weiter: 'Wer ist der Mensch?' Und die gesamte Heerschar seiner Engel, die Adam und seine Wohnstätte gesehen hatten, lachten über seine Kleinheit...

Denn Adam war ein Gegenstand des Gelächters, da er als Fälschung geschaffen wurde... Und Abraham und Isaak und Jakob waren Gegenstände des Gelächters, da ihnen, den gefälschten Vätern, von der Hebdomad ein Name gegeben wurde, als wäre er stärker als ich geworden... Der Archon war ein Gegenstand des Gelächters, weil er sagte: 'Ich bin Gott und es gibt keinen größeren als mich. Ich allein bin der Vater, der Herr, und es gibt niemanden neben mir. Ich bin ein eifersüchtiger Gott, der die Sünden der Väter über die Kinder von drei oder vier Generationen bringt.' Als wäre er stärker als ich und meine Brüder geworden!... er befand sich in einer leeren Herrlichkeit... er war in einer leeren Herrlichkeit ohne Bedeutung... er war ein Gegenstand des Gelächters...“ (The Nag Hammadi Library, S. 331, 335-336)

 

In „Das Zeugnis von der Wahrheit“, eine weiterer Nag-Hammadi-Text, finden wir folgendes:

 

Aber was ist das für ein Gott? Erst macht er Adam neidisch darauf, dass er vom Baum der Erkenntnis essen sollte... Sicher hat er sich als hinterhältiger Neidischmacher erwiesen. Und was für ein Gott ist das? (Ebd., Seite 412)

 

Im „Apokryphon des Johannes“ lesen wir, dass Gott „in seiner Tollheit, die in ihm steckt, frevelhaft ist... er kennt seine Stärke nicht...“ (Ebd., Seite 105) Auf der folgenden Seite wird Gott mit „der Arrogante“ bezeichnet. In „Hypostasis des Archons“ wird der Gott Israels der Sünde und Gotteslästerung beschuldigt:

 

Ihr Oberhaupt ist blind, [wegen seiner] Macht und Unwissenheit [und seiner] Arroganz sagte er mit seiner [Macht]: 'Ich bin es, der Gott ist; es gibt keinen [außer mir].'

Indem er dies sagte, sündigte er... dann war da eine Stimme, die von der Unverderblichkeit kam, und sagte: 'Du irrst dich, Samael' – was bedeutet: 'Gott ist blind.'

Seine Gedanken wurden blind. Und nachdem er seine Macht verjagt hatte – das heißt, die Gotteslästerung, die er ausgesprochen hatte - ... (Ebd., S. 153)

 

Da die Nag-Hammadi-Texte mit heidnischer Mythologie angefüllt sind und den Gott Israels angreifen, ist es schwer zu verstehen, warum Mormonengelehrte so viel Gewicht auf sie legen. Obwohl einige der gnostischen Schriften ursprünglich im 2. Jahrhundert erstellt sein mögen, wurden die Abschriften, die man in der Nähe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi fand, wahrscheinlich im 4. Jahrhundert geschrieben.

Die Mormonenpublikation Brigham Young University Today vom März 1976, S. 8, behauptet, dass die Nag-Hammadi-Dokumente einige „authentische Traditionen und Lehren“ enthalten, aber sie gibt zu, dass die Texte zweifelhafter Urheberschaft sind:

 

Die Herkünfte der Texte sind schwierig und oft unmöglich zu bestimmen, und es ist zweifelhaft, dass sie von den Männern geschrieben wurden, deren Namen sie tragen: Adam, Seth, Melchisedek, Johannes, Jakobus, Paulus und Petrus...“

 

Derselbe Artikel sagt: „Zwei BYU-Schriftexperten... wurden von den gnostischen Papyri des 4. Jahrhunderts, die niederschmetternde Parallelen mit mormonischem Gedankengut und mormonischer Theologie enthalten, neugierig gemacht.“

Da die Nag-Hammadi-Dokumente ohne Zweifel Fälschungen sind, ist es schwer zu verstehen, warum Mormonengelehrte von ihnen „neugierig gemacht“ wurden. Wir haben das Gefühl, dass die Parallelen zwischen den Nag-Hammadi-Texten und dem Mormonismus nur dazu neigen, heidnischen Einfluss auf den Mormonismus zu zeigen. Immerhin war die griechische Mythologie und Philosophie in Joseph Smiths Tagen wohlbekannt, und dass sie, ebenso wie die Gnostiker, Einfluss auf Joseph Smith hätten, wäre keine Überraschung.

Obwohl die Nag-Hammadi-Dokumente 1945 oder 1946 entdeckt wurden, waren sie in ihrer Gesamtheit in englischer Übersetzung erst 1977 verfügbar. Eines der Dokumente, „Das Thomas-Evangelium“, wurde 1960 veröffentlicht. Wir waren damals in der Lage, dieses angebliche Evangelium zu lesen, aber wir fanden nichts darin, das den Mormonismus unterstützte. Die BYU Studies, Winter 1975, druckten ein kurzes Werk mit dem Titel „Die Apokalypse des Petrus“ ab. Einige der anderen Dokumente sind zu verschiedenen Zeiten gedruckt worden, aber erst 1977 waren die Nag-Hammadi-Texte in ihrer Gesamtheit in jeder modernen Sprache verfügbar. Ein Mormonengelehrter zog Vorteile aus der Nichtverfügbarkeit von Übersetzungen der Texte, um einige phantastische Behauptungen aufzustellen. Nun, da Übersetzungen der Dokumente in The Nag Hammadi Library veröffentlicht worden sind, sind wir in der Lage zu sehen, wie total lächerlich diese Behauptungen waren. Zum Beispiel behauptete er, dass das Abendmahlsgebet im Buch Mormon genauso lautete wie eines, das er in den Nag-Hammadi-Texten fand. Während man ein Gebet („Über die Eucharistie A“) in „Eine valentinische Offenlegung“ findet, ist es sicher nicht mit dem identisch, das man im Buch Mormon findet (siehe The Nag Hammadi Library, S. 442).

Nun, da die Texte in Englisch verfügbar sind, werden Mormonenapologeten mit ihren Behauptungen über die Nag-Hammadi-Dokumente vorsichtiger sein müssen. Unsere Untersuchung führt uns zu dem Schluss, dass sie für den Mormonismus keine neuen Beweise liefern.


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In diesem Kapitel geht es um die Haltung der Mormonen zur Bibel und um die von Joseph Smith revidierte "Inspirierte Version" der Bibel.
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